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Quo vadis Indien?

Kanchana Lanzet, 29.05.2024

Dies ist emotional eine schwierige Zeit, um über ein Land zu schreiben, das für seine Spiritualität und religiöse Toleranz auch gegenüber der westlichen Welt bekannt ist. Gegenwärtig finden in den verschiedenen Bundesstaaten Indiens die Parlamentswahlen zur Lok Sabha statt – die größten, die die Welt je gesehen hat.

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Imperio británico de la India 1909 © Dominio público PICRYL

Der Nationalstaat Indien, wie wir ihn heute kennen, entstand 1947. Nach der Niederschlagung des antikolonialen Aufstandes 1858 übergab die East India Company die Herrschaft an die britische Krone in Person der Königin Viktoria und womit die Zeit der britischen Parlamentsherrschaft auf dem indischen Subkontinent begann und weitere 89 Jahre bis 1947 dauerte.

Britische Geschäftsleute gründeten die Ostindien-Kompanie, zunächst im heutigen Bengalen, um in der Region des Indischen Ozeans Handel zu treiben, zuerst mit Mogul-Indien und Ostindien und später mit der Qing-Dynastie in China. Das Unternehmen sicherte sich von 1785 bis 1858 die Kontrolle über große Teile des indischen Subkontinents und kolonisierte ihn zusammen mit großen Teilen Südostasiens und Hongkongs.

Auf ihrem Höhepunkt war die East India Company das größte Unternehmen der Welt. Es handelte mit Baumwolle, Seide, Zucker, Gewürzen, Salpeter, Tee und später auch mit Opium. Die Company verfügte über eigene Streitkräfte in Form von drei sub-regionalen Armeen mit insgesamt etwa 260.000 Soldaten, doppelt so groß wie die britische Armee zu dieser Zeit. Sie übten die militärische Macht aus und übernahmen Verwaltungsfunktionen. 1858 wurde der größte Teil des modernen Indiens, Pakistans und Bangladeschs entweder von der Ostindien-Kompanie oder von den Fürstenstaaten, den Maharajas regiert. Nach der indischen Rebellion im Jahr 1857 übertrug der Government of India Act 1858 der britischen Krone die direkte Macht und Kontrolle über British India.

Im Jahr 1947 wurde der indische Subkontinent, nach langem Befreiungskampf unabhängig. Das ehemalige British-India teilte sich auf in zwei souveräne subkontinentale Staaten: Indien und Pakistan. Indien nimmt einen größeren Teil Südasiens ein. Es grenzt im Nordwesten an Pakistan; mit Nepal, China und Bhutan im Norden; und mit Myanmar und Bangladesch im Osten. Pakistan bestand aus zwei Regionen: Westpakistan an den Ufern des Flusses Indus, das heutige Pakistan und Ostpakistan, das heutige Bangladesch. Die Fürstenstaaten, beherrscht von den Maharajas, konnten sich während der Kolonialzeit selbst regieren, außer in Bezug auf Militär und Außenpolitik.Sie waren tributpflichtig. Anläßlich der Unabhängigkeit konnten sie sich entscheiden, ob sie sich Pakistan oder Indien anschließen wollten. Sie entschieden sich für Indien. Jammu und Kaschmir fand sich erst im letzten Moment bereit, die Beitrittsurkunde zu unterzeichnen. Die beiden neuen Herrschaftsgebiete wurden 1947 zur Republik Indien und zur Islamischen Republik Pakistan, dessen östliche Hälfte wurde 1972 zur unabhängigen Volksrepublik Bangladesch. Die Provinz Burma in der östlichen Region des Britisch-Indischen Reiches wurde seit 1937 als separaten Kolonie regiert, erlangte 1948 als Burma seine Unabhängigkeit, und heißt heute Myanmar.

Quit India

Mahatma Gandhi y Jawaharlal Nehru en 1942

Um die Situation in Indien zu verstehen, ist es wichtig, einen Blick auf den Freiheitskampf Indiens und die Quit India Bewegung zu werfen.

Das Quit India Movement war eine Massenprotestbewegung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in den Jahren 1942-43 gegen die politische und militärische Kontrolle Indiens durch das britische Kolonialreich, auch Raj genannt. Sie wurde von Mahatma Gandhi und dem  Indischen Nationalkongress geführt und war eine gewaltlose Aktion. Es gab Kräfte innerhalb und außerhalb dieser Kongresspartei, die die Quit-India-Bewegung einerseits vorantrieben, um endlich die Unabhängigkeit Indiens zu verwirklichen, aber gleichzeitig auch, um die Führungsrolle der Kongresspartei zu zementieren.  B. R. Ambedkar, selbst Dalit und Kämpfer für die Unberührbaren, die Dalits, war der Meinung, dass die Unabhängigkeit alleine  den Dalits nicht helfen könnte. Mohammed Ali Jinnah, der Führer der Muslimliga, war der Meinung, dass die Führungsrolle der Kongresspartei die Interessen der Muslime unterminiert. Neben den inneren Spannungen in der „Quit India“- Bewegung musste sie auch den brutalen und bewaffneten Widerstand der Briten gewaltlos überwinden. Tausend Menschen starben, 60.000 ihrer Anführer wurden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt.

Obwohl die Quit-India-Bewegung 1943 nicht wie angestrebt unmittelbar zum Abzug der Briten führte, bewies sie die Bereitschaft der indischen Bevölkerung, ihre Unabhängigkeit auch mit großen Opfern zu erkämpfen. Sie hinterließ bei der britischen Regierung keinen Zweifel über die Notwendigkeit der Entkolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Republik Indien

Das aus der Unabhängigkeit am 15. August 1947 um Mitternacht geborene neue Indien, unterscheidet sich politisch sehr vom britisch-indischen Kolonialreich.

Die Republik Indien ist eine Union von Bundesstaaten und Unionsterritorien, eine souveräne säkulare demokratische Republik mit einem parlamentarischen Regierungssystem und Verhältniswahlrecht; es ist eine föderale Mehrparteienrepublik mit zwei gesetzgebenden Kammern, dem Staatsrat oder der Rajya Sabha und dem Haus des Volkes oder der Lok Sabha. Der Präsident ist das verfassungsmäßige Oberhaupt der Exekutive der Union, aber alle Exekutivbefugnisse liegen beim Premierminister, der auch den Ministerrat der Union leitet. Das Regierungssystem in den Bundesstaaten ähnelt stark dem der Union. Ein Gouverneur, der vom Unionspräsidenten ernannt wird, ist das verfassungsmäßige Oberhaupt der bundesstaatlichen Exekutive. Ein Ministerpräsident, der von der Mehrheit des Parlaments des Bundesstaates gewählt wird, leitet das Kabinet. Es gibt 28 Bundesstaaten und 8 Unionsterritorien im Land. Indien ist eine konstitutionelle Republik und repräsentiert eine sehr vielfältige Bevölkerung, die sich aus ethnischen oder Stammesgruppen, Kastengruppen und Hunderten von Sprachen zusammensetzt. Die Hauptstadt der Indischen Union ist Delhi. Indien wurde nach Schätzungen der Vereinten Nationen im Jahr 2023 zum bevölkerungsreichsten Land der Welt.

Indien ist Teil der geografische Region Südasien. Historisch ist Südasien die Heimat einer hochentwickelten urbanen Kultur, der Indus-Tal-Zivilisation, die den nordwestlichen Teil des Subkontinents von 2600 bis 2000 v. Chr. dominierte. Von dieser Zeit an fungierten die verschiedenen Königreiche in dieser Region mehr oder weniger als in sich geschlossener politischer und kultureller Raum. Die Wurzeln dessen, was unter dem populären Namen Hindu oder Hinduismus bekannt ist, finden sich in den verschiedenen Traditionen und Kulturen dieser Zeit. Diese Zivilisation ist innerhalb der natürlichen Grenzen des Himalaya-Gebirges entstanden, beginnend im Norden in Kaschmir. Das Gebirge setzt sich in südöstlicher Richtung fort und grenzt dann südlich an Myanmar, im Nordwesten an Afghanistan. Die Vindhya-Bergkette bildete eine natürliche Grenze im Süden. Die Menschen des Südens sprechen Sprachen, die nicht mit den Sprachfamilien der indo-gangesische Ebene verwandt waren, sie aber stark beeinflusst haben. Es ist wichtig, die kulturelle Vielfalt der Region Südasien und die des heutigen Indien zu unterscheiden. Indien ist heute ein Nationalstaat, der aus der Union ehemals verschiedener Länder und Königreiche hervorgegangen ist, dessen Bewohner aus unterschiedlichen Ethnien und Sprachgruppen stammen, mit jeweils eigenen Traditionen, Ritualen und Kulturen. Wie unterschiedlich sie sind wird deutlich, wenn man von Norden nach Süden und von Westen nach Osten reist. Die Existenz dieser Vielfalt muss noch viel stärker ins Bewusstsein der Welt gelangen, denn Indien ist zwar ein Nationalstaat, aber alles andere als uniform. Es besteht nicht aus einem Volk mit einer Sprache, einer Kultur, einer Art, die Welt zu betrachten, nur einer Art zu kochen und vegetarisch zu essen oder nur einer Religion!

Indien ist auch die Heimat von Muslimen, Christen, Sikhs, Buddhisten und Jains. Darüber hinaus gibt es eine aus viele ethnische Gruppen bestehende Urbevölkerung. Sie leben hauptsächlich in den Bergregionen des Landes und sind zumeist Animisten. Alle zusammen machen sie immer noch einen erheblichen Anteil der Bevölkerung aus.

Kaste und Indien

Indien und das Kastensystem sind ein Synonym! Wie und wann genau das Kastensystem entstand, ist nicht genau bekannt. Die Annahme dominiert, die Arier, Invasoren aus der Region des Kaspischen Meeres, überfielen die Zivilisationen des Indus-Tals in aufeinanderfolgenden Raubzügen. Viele zogen über die Vindhya-Bergkette weiter nach Südem, andere blieben im Norden, aber überall entstanden neue Gruppen durch Überlagerung und Mischung.

Sistema de castas en India © Vicente Ferrer Foundation

Das Varna (Farben-) oder Jati- Kasten-System hat vier Unterteilungen, die auf Hautfarbe und Beruf basieren. An der Spitze dieses Systems stehen die Brahmanen oder die Priesterklasse. Sie waren die Hüter der Schriften über die heiligen Rituale, die Veden und Upanishaden. Sie  sind eine Sammlung von rituellen, heiligen Texten und Gesängen. Lange Zeit wurden sie von den Brahmanen mündlich von Generation zu Generation überliefert, bevor sie verschriftlicht wurden, zuerst auf Palmblätter. Die Brahmanen waren auch Lehrer. Es folgen die Kshatriyas, die Herrscher oder die Kriegerkaste. Der König gehörte in der Regel der Kshatriya-Kaste an, ebenso wie seine Soldaten. Die Brahmanen gaben dem Königtum Legitimität, indem sie es bestätigen. Die dritte Kaste sind die Vaishyas, die Landbesitzer und Kaufleute. Diese ersten drei Kasten sind als Zweigeborene bekannt. Ihnen wird eine rituelle Kastenschnur über die linke Schulter und rechte Hüfte gelegt. Die vierte Kaste sind die Shudras, unterprivilegierte Arbeiter und Handwerker.

Die fünfte Kaste oder die Panchakamas

Und dann gibt es da noch eine fünfte Kaste: die Kaste der Unberührbaren, auch Dalits, die außerhalb des Kastensystems stehen. In der traditionellen Dorfstruktur wurden die Behausungen der Dalits in einem Gebiet außerhalb der Dorfgrenzen und gegen die Richtung des Windes, der in das Dorf weht, angesiedelt, damit die Kastenhindus im Dorf nicht durch den Wind rituell verschmutzt werden, der durch die Dalit-Siedlung geweht hat! Den Dalits obliegt die Schmutzarbeit, wie das Waschen und Reinigen von Leichen, die Arbeit in Schlachthöfen, Gerbereien, Friedhöfen und bei der Feuerbestattung, die Abfallentsorgung und Reinigung privater und öffentlicher Toiletten. Über Generationen hinweg entstanden immer wieder Protestbewegungen, die sich gegen diese menschenverachtende Praxis wandten. Buddhismus und Jainismus sind zwei solcher Bewegungen, die sich zu eigenständigen Religionen entwickelten. Das Kastensystem wird von Gesetzen der rituellen Reinheit und der rituellen Verschmutzung regiert, die bestimmen, wer mit wem zusammen essen und wer wen heiraten darf. Nach dieser Theorie sind alle Körperexkremente, d.h. Kot, Urin, Schweiß, Speichel, Menstruationsblut, Mist, Leder, Schmutz, Haare und Sperma, rituelle Schadstoffe und wer mit ihnen in Berührung gerät, ist verunreinigt.  Brahmanen insbesondere fühlen sich beschmutzt, wenn auch nur der Schatten eines Unberührbaren auf sie fällt. Zur Reinigung ist dann ein rituelles Bad erforderlich. Frauen werden durch ihre Menstruation rituell verunreinigt!  Die Brahmanen sind rituell die Reinsten in der Kastenhierarchie und das mit dieser Reinheit verbundene Prestige nimmt ab, wenn man die Kastenleiter hinuntersteigt.

Ehen wurden über Generationen hinweg nur innerhalb derselben Kaste und Familien geschlossen, wodurch die Reinheit der Kaste gewahrt und das Kastensystem und die Kastenloyalität gefestigt wurden.

Mahatma Gandhi, geliebt und verehrt als Vater der indischen Nation, bezeichnete die Unberührbaren als Harijans oder Kinder Gottes. Heute sind sie als Dalits bekannt, was so viel bedeutet wie gebrochen oder unterdrückt. Offiziell werden ihre „Kasten außerhalb der Kasten“ als Scheduled Castes (Gelistete Kasten) bezeichnet. Zusammengenommen machen sie etwa ein Sechstel der Gesamtbevölkerung Indiens aus. Im Allgemeinen sind sie landlos und arbeiten als Landarbeiter sowie in einer Reihe von rituell verschmutzenden Kastenbetrieben.

Dr. B. R. Ambedkar, der Vater der indischen Verfassung und Verfechter der Unberührbaren, war selbst ein Dalit. Ihm wurde ein Platz an der Universität verweigert. Als er Sanskrit studieren wollte, kam er nach Deutschland, um die Sprache der heiligen Bücher (Veden, Upanischaden) an der Universität Bonn zu studieren!

Kasten bieten ihren Mitgliedern soziale Unterstützung, ein Gefühl der Sicherheit und manchmal sogar wirtschaftliche Unterstützung. In vielen Teilen Indiens gibt es dominante Kasten, die eine wichtige Rolle in der sozioökonomischen und politischen Arena spielen. Diese dominanten Kasten können die Mehrheit des Landes in einem bestimmten Gebiet bilden und somit u.a. auch die Kultur und Politik der Region bestimmen. Die Marathas in Maharashtra, die Sikhs, Jats im Punjab oder die Rajputen in Rajasthan bilden solche Mehrheitskasten, die bei Wahlen oft als Block abstimmen und ihren Führern erhebliche politische Macht zuordnen. Das Kastensystem ist nicht nur auf die Hindus beschränkt. Es ist auch unter den Muslimen, Christen, Sikhs und sogar unter den Dalits selbst verbreitet. Einige Dalit -Kasten stehen höher als andere!

Was ist Hinduismus?

Templo Ahobila-Narasimha-Swamy-Andhra-Pradesh

Der Hinduismus ist keine auf Propheten oder einem heiligen Buch basierende Religion, wie das Christentum, der Islam, der Buddhismus und sogar der Sikhismus. Der Hinduismus ist eine Weltanschauung und eine spirituelle Philosophie. Sie umfasst alles, d.h. alle Arten von spirituellen Überzeugungen und Weltanschauungen, die vom Animismus bis zum Atheismus reichen, können unter dem Dach des Hinduismus zusammengefasst werden. Oft schmücken  die Wände in den Häusern indischer Dörfer die Bilder von Hindu Gottheiten zugleich mit Mahatma Gandhi, Buddha und Pandit Nehru. Im Distrikt Anantapur in Andhra Pradesh gründete Pater Vincente Ferrer, ein ehemaliger Jesuitenpater aus Spanien, den Rural Development Trust, der sich auf die Bildung von Kindern konzentriert, insbesondere von Kindern aus den unterdrückten Gruppen und Mädchen. Im Laufe der Jahre ist er zu einer sehr respektierten und verehrten Person geworden. Posthum findet man in den Häusern Altäre, die den elefantenköpfigen Gott Ganesh, ein Kruzifix, eine islamischen Kalligraphie gemeinsam mit dem Bild von Pater Ferrer! Ein Tempel wurde zu seinem Andenken gebaut, sein Grab ist zu einem Wallfahrtsort geworden. In Nordindien stößt man auf große und kleine Gräber muslimischer Heiliger, die von allen verehrt werden. Tatsächlich ist der Schrein des großen Sufi-Heiligen Muin-ud-din-Chisti in Ajmer in Rajasthan ein Wallfahrtsort für alle Muslime, Hindus und alle anderen Religionen

Der Begriff Hinduismus wurde von Menschen geprägt, die aus Zentralasien kamen. Sie mussten den Fluss Sindhu (Indus) überqueren, um in die reiche und fruchtbare indische Gangesebene zu gelangen. Sindhu wandelte sich im Laufe der Zeit zum Hindu. Im Wesentlichen waren zu dieser Zeit die vorherrschenden sozio-spirituell-kulturellen religiösen Traditionen Brahmanismus, Siddha, Shaiva Siddhanta, Tantra, Nath und später die Bhakti-Bewegung. Das erste Konstrukt des Begriffs Hinduismus bezieht sich auf diese Vielfalt. Später schloss der Hinduismus Menschen aus dem Umfeld dieser Glaubenssysteme mit ein, zu denen auch der Buddhismus und der Jainismus gehörten. Mit der Ankunft der Briten wurde der Hinduismus klarer definiert und abgegrenzt, insbesondere gegen den Islam und das Christentum.

Was ist Hindu-Nationalismus?

Die Saat der fundamentalistischen Politik wurde während der Kolonialzeit in Indien ausgesät. Die von Gandhi angeführte Unabhängigkeitsbewegung gründete auf den Werten Demokratie und Säkularismus und zielte auf einen integrativen indischen Nationalismus ab, der Indiens reiche sprachliche, religiöse, ethnische, kulturelle Vielfalt und unterschiedliche Lebensweisen in jeder Hinsicht umfasste. Es entstanden politische Bewegungen, zunächst als Teil der Unabhängigkeitsbewegung, später dann in klarer Opposition zu den Entwicklungen nach der Unabhängigkeit, die von den früheren Maharajas und feudalen Grundbesitzern unterstützt wurden und die die Interessen einzelner Gemeinschaften (daher der Begriff kommunale Politik) sowie auch Religionspolitik verfolgten. Daraus wurden später einerseits die Muslimliga und andererseits die hinduistische Mahasabha-RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh). Die von dem späteren ersten Präsidenten Pakistans Jinnah geführte Muslimliga, die auf eine eigene muslimische Nation und die Teilung Indiens hinarbeitete, setzte die  Gründung Pakistan durch während der RSS die Idee einer Hindu-Nation für die Hindus popularisierte, die heute das wichtigste Vehikel fundamentalistischer Politik in Indien ist.

Der RSS und fundamentalistische Politiker der heutigen Regierungspartei Bharatiya Janata Party (Indische Volkspartei) nutzen, betrieben beharrlich die Zerstörung der Babri Masjid, einer 400 Jahre alten Moschee in Ayodhya im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh, die angeblich auf dem zerstörten Geburtstempel des Gottes Ram erbaut worden war. Auf der 1992 von 100.000 RSS-„Freiwillgen“ zerstörten Moschee wurde ein nagelneuer Tempel errichtet.

Einige Traditionen

Die Sache mit dem Rindfleisch- Verzehr

Die Kuh ist den Hindus heilig und daher ist es den Hindus verboten, Rindfleisch zu essen. Anhänger begannen sie mit einer Mutter zu vergleichen, so wurde sie später zu einem wichtigen Werkzeug der Identitätspolitik Die Kuh wurde zu einer heiligen Kuh, auch in der Politik. Dieses führte zu dem Verbot der kommerziellen Rinderschlachtung. In der Folge gab es viele Fälle von Lynchjustiz. Menschen, die in den Verdacht gerieten, Kühe geschlachtet zu haben, wurden von organisierten Gruppen gelyncht. Männer ereilte ein ähnliches Schicksal in Zügen, wenn angenommen wurde, sie führten Rindfleisch mit sich. In einer Stadt Una, wurden Männer ausgepeitscht, deren Aufgabe es war, die Kadaver von totem Vieh zu entsorgen. Kühe haben eine wichtige Rolle in der Agrarwirtschaft gespielt. Als großes Land mit einer riesigen Rinderherde ist Indien auch einer der wichtigsten Exporteure von Rindfleisch. Die Adivasi, Dalits, Muslime, Christen und sogar einige Hindus aus den oberen Kasten konsumieren Rindfleisch. Historisch gesehen war Rindfleisch seit der vedischen Zeit Teil der Essgewohnheiten.

Zwangsbekehrungen

Auch Christen wurden ins Visier genommen. Kirchen wurden zerstört, verwüstet und entweiht. Einige ihrer Pastoren und Priester wurden beschuldigt Hindus zum Christentum zu bekehren, verhaftet und ins Gefängnis geworfen, ohne Rücksicht auf ihr Alter und ihre gesundheitlichen Probleme; man ließ sie im Gefängnis sterben, ohne rechtzeitigen Zugang zu medizinischer Versorgung. Der Jesuit Pater Stan Swamy war ein solcher Fall. Er hatte sich jahrzehntelang und erfolgreich für die Landrechte der Urbevölkerung eingesetzt.

Liebes-Dschihad

Das ist ein popularisierter Kampfbegriff der Indischen Volkspartei. Er bezieht sich auf muslimische Männer, die gute Hindu-Frauen umwerben und sie dann heiraten, einzig mit dem Ziel, sie zu Muslima zu machen. Interreligiöse Paare wurden/werden in der Öffentlichkeit zur Rede gestellt, beleidigt, die Männer verprügelt, in einigen Fällen getötet.

Ghar Wapasi

Ghar wapasi bedeutet wörtlich «nach Hause zurückkehren». Dies gilt für indische Christen, deren Vorfahren Hindus waren und die zum Christentum konvertierten. Solche Christen können sich nun einer Zeremonie unterziehen und in die hinduistische Gemeinde zurückkehren. Muslime könnten dies nicht tun, da alle Muslime, die auf dem indischen Subkontinent leben, als Ausländer betrachtet werden, die nach Indien gekommen sind.

Diese Politik des Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) haben Hass und Gewalt gegen religiöse Minderheiten, insbesondere Muslime und Christen geschürt. Dieser Hass und diese Gewalt sind so tief in die verschiedenen Religionen, Kasten, Klassen und Ethnien eingedrungen, dass die Menschen einander misstrauisch geworden sind.

Kurze Geschichte der RSS

Die Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) wurde 1925 in Nagpur gegründet. Die Gründer der RSS ließen sich just zu jener Zeit von Hitlers Ideen über den Nationalismus inspirieren, als Mahatma Gandhi die Bewegung der Nicht-Kooperation mit dem britischen Kolonialreich ins Leben gerufen hatte, die den organisierten Befreiungskampf intensivierte. Dies bereitete   einflussreichen hohen Kasten, Elitegruppen der Gesellschaft und Großgrundbesitzern Unbehagen. Gleichzeitig erschütterte die Anti-Brahmanen-Bewegung unter der Führung von Dr. B. R. Ambedkar die sozialen Beziehungen der Brahmanen-Grundherren-Oberkasten auf der einen Seite und der Dalit-Arbeiter-Unberührbaren auf der anderen Seite. Die RSS verachtete den indischen Nationalismus, der auf Säkularismus und Demokratie basierte. Das Ziel der RSS war eine Hindu-Nation und ein Hindutva-Hindu-Nationalismus.

Presidente Narendra Modi del BJP © Flickr

Die RSS-Ideologie des Hindutva oder Hindu-Seins ist ein Konzept einer Hindu-Nation, das auf brahmanischen Werten der Hierarchie von Kasten und Geschlecht basiert. Die RSS begann, ihre Freiwilligen in ihrer Version der Geschichte zu schulen. Sie glaubten, dass Indien schon immer ein Hindu-Staat war und Muslime Aggressoren und Ausländer sind. Ihre Vorstellung Indiens ist, dass Indien (der indische Subkontinent oder das heutige Südasien) vor den muslimischen Invasionen ein vereintes Land war, frei von allen sozialen Missständen, das einer gut strukturierten, auf Hierarchie basierenden Gesellschaftsordnung folgte, und dass Gandhis und Nehrus Vorstellung von einem Indien, das allen Menschen gehört, unabhängig von Kaste, Glauben und Hautfarbe, falsch ist. Ihrer Meinung nach ist es notwendig, eine starke Hindu-Nation aufzubauen und die Muslime und andere Minderheiten zu untergraben. Der RSS nahm nicht an Indiens Freiheitskampf gegen die Briten teil.

Der RSS richtete Shakas (lokale Gruppen) in Dörfern und Städten in ganz Indien ein, insbesondere im Hindi- und Hindi-verwandten Sprachgürtel; Gujarat, Rajasthan, Madhya Pradesh, Uttar Pradesh, Bihar und Maharashtra. In diesen RSS- Gruppen organisierten sich ausschließlich Männer. Jungen wurden in jungen Jahren rekrutiert und in der Hindutva-Ideologie und -Geschichte geschult, wie vom RSS instruiert. Strenge Disziplin wurde ihnen durch regelmäßige Übungen, Yoga und Meditation beigebracht. Sie treffen sich früh am Morgen, bevor die normale Schule begann, mit Hilfe von Freiwilligen, von denen die meisten Lehrer waren, die implizit an die Lehren der RSS und ihrer Hindutva-Ideologie glaubten. Premierminister Modi selbst ist ein Produkt aus einem der Shakas der RSS.

Der Hindu-Mahasabha und die RSS machten Gandhi für den Säkularismus, die Beschwichtigung der Muslime und der Minderheiten und die Teilung in Pakistan und Indien verantwortlich. Deshalb wurde er von Nathuram Godse, einem Mitglied der RSS, 1948 ermordet. Die RSS begann, Sub-organisationen zu gründen, eine davon war die Akhil Bharatiya Vidya Parishad (All Bharat Students Union), um Studenten zu rekrutieren und unter ihnen zu arbeiten. 1951 verbündete sich Shyama Prasad von der hinduistischen Mahasabha mit der RSS und gründete die Bharatiya Jana Sangh (Bharath-Volksorganisation).

1977 kam die Janata-Partei in die Regierung und Jana Sangh wurde Teil der Janata-Partei oder der Volkspartei. Während all dieser Entwicklungen arbeitete der RSS die ganze Zeit im Stillen und infiltrierte alle Bereiche von Staat und Gesellschaft, die Bürokratie, die Polizei, das Bildungswesens, die Medien, die Justiz und die Armee und stellte sich in Namen von Religiosität und kulturellem Konservatismus den progressiven, liberalen Werten entgegen. In den 60er und 80er Jahren verbreitete der RSS seine Hassagenda zunächst gegen Muslime und später gegen die Christen, was zu Gewalt gegen Minderheiten führte. Die Berichte eines Untersuchungsausschusses kamen zu dem Schluss, dass Unruhen von den RSS-Infiltratoren unter geplanten Vorwänden begonnen wurden. Der bereits kompromittierte Staatsapparat unterlies es, Täter zu bestrafen. Die Strategie begann sich auszuzahlen: Der berüchtigste Fall ist die soziale Hysterie, die durch die Agitation um die 400 Jahre alte Babri-Moschee ausgelöst wurde, die zu ihrer Zerstörung und dem Bau des Ram-Tempels in Ayodhya im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh führte. Die RSS-Basis, die auf Gewalt und Hass aufbaute, wurde immer größer und ihr politischer Flügel BJP wurde stärker und eroberte 1996 die Macht.

Im Jahr 2014 kam die BJP mit einer einfachen Mehrheit zum zweiten Mal an die Macht, dieses Mal mit Shri Narendra Modi als Premierminister. 2019 wurde er erneut für eine zweite Amtszeit zum Premierminister gewählt und heute ist sicher, dass er für eine dritte Amtszeit im Amt bleiben wird.

Fundamentalismus ist eine Politik, die den Mantel der Religion nur zum Schein trägt. Der Hindu-Fundamentalismus ist eine gut organisierte Bewegung, die darauf abzielt, Werte der Kasten- und Geschlechterhierarchie aus der Vergangenheit wieder einzuführen. Dies ist die tiefere Agenda der RSS, während sie sich an der Oberfläche als antimuslimische Politik geriert. Während der RSS behauptet, eine kulturelle Organisation zu sein, ist er in Wirklichkeit eine übergeordnete politische Organisation, die ihre nachgeordnete politische Partei, die BJP total kontrolliert. Der RSS greift Themen auf, die mit Identität zu tun haben, zum Beispiel den Ram-Tempel, die heilige Kuh, interreligiöse Ehen oder den Liebes-Dschihad und die Rückkehr von Christen und säkularen Hindus in die hinduistische Herde. Das schafft eine stark emotionalisierte politische Atmosphäre, den Hass gegen Minderheiten und bekräftigen ihre Agenda, die glorreiche Vergangenheit Indiens zurück zu bringen. Die RSS lehnt die indische Verfassung ab und propagiert die heiligen Bücher des Hinduismus als Quelle zentraler Werte durch alle ihre angeschlossenen Organisationen. Ihre Sicht der Geschichte, die auf der Behauptung vergangenen Ruhms und großer Errungenschaften basiert, die den Hindus ausschließliches Eigentum an Land gibt, insbesondere denen der oberen Kasten, ist in die Gesellschaft eingesickert. Aus den verschiedenen Strömungen des Hinduismus, die im Land praktiziert werden macht der RSS eine brahmanische Variante.

Dabei liegt die Zukunft Indiens liegt in den Werten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die in seiner Verfassung verankert sind, und in der Achtung seiner reichen kulturellen Vielfalt, seines Pluralismus und des Schutzes der Minderheitenrechte, wie es im ersten Satz der indischen Verfassung heißt: Wir, das indische Volk, haben feierlich beschlossen, Indien zu einer souveränen demokratischen Republik zu machen und allen seinen Bürgern folgendes zu zusichern:

Gerechtigkeit, sozial, wirtschaftlich und politisch;

Freiheit des Denkens, der Meinungsäußerung, des Glaubens, des Glaubens und der Anbetung;

Gleichheit von Status und Chancen;

Brüderlichkeit, die die Würde des Einzelnen und die Einheit der Nation sichert.

In unserer Konstituierenden Versammlung am 26. November 1949 nehmen wir hiermit diese Verfassung an, erlassen sie und geben sie uns selbst.

Quellen

Dr. Ram Puniyani (Zentrum für Gesellschafts- und Säkularismusstudien, Mumbai) über die Probleme Indiens.

Karan Thapars Interview mit Dr. Ram Guha und Dr. Romilla Thapar.

Dr. Kanchana Lanzet

Dr. Kanchana Lanzet ist Anthropologin und Kulturforscherin und lebt in Bonn, Deutschland. Kanchana verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Arbeit mit Basisgruppen in Indien und war Beraterin für internationale Kooperationsorganisationen.

E-Mail-ID-kanchana.lanzet@googlemail.com